Kolumne des Monats
September 2017

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Urlaubszeit = Reisezeit?

Diese Gleichung stimmt nicht mehr. Wohin kann man denn überhaupt noch fahren? Die Möglichkeiten werden immer geringer. Fährt man in das Land der Sonne, also nach Ägypten – wird man erdolcht. Fährt man in das Land des Halbmondes – wird man verfolcht. Plötzlich hat das Hotel Gitter vor den Fenstern, durch die man dann in den Vollmond starren kann, weil da eine Seuche grassiert: der Erdowahn. Die Krim ist auch schlimm. Da ist man dann gleich wieder ein Putin-Versteher. Auf den Philippinen gilt das Kriegsrecht. In Somalia ist es mit dem Essen schlecht. Auf der griechischen Insel Kos bebte die Erde. In London, Stockholm oder Barcelona fahren gern Lieferautos in eine Menschenherde. So haben sich das die Leute 1989 aber nicht so vorgestellt, als sie gerufen haben: „Wir woll´n raus!“ und damit gegen die Reisewarnung der DDR-Regierung protestierten, die da lautete: „Bleibe im Land und nähre dich redlich!“ Und diese Losung muss nun der Landesregierung von Sachsen-Anhalt wieder eingefallen sein. Sie hat sich gesagt: „Warum in die Ferne schweifen, sieh das Gute liegt so nah.“ Und das kann man sich doch auch mal angucken. Deshalb richten ab August die Kommunen noch mehr Tempo-30-Zonen ein, damit man ihre Sehenswürdigkeiten richtig genießen kann, wenn man dann mit Tempo 30 vorbeizuckelt, am Lutherhaus in Wittenberg, am Bauhaus in Dessau oder am Hundertwasserhaus in Magdeburg. Wobei das für Magdeburg schon ein großer Fortschritt wäre, wenn man endlich mal wieder mit Tempo 30 durch die Stadt sausen könnte. Im Moment denkt man da ja, man wäre auf einer Internationalen Automobilausstellung. So viel Autos kann man da auf einem Haufen bestaunen. Im Stau. An jeder Straßenecke. Da muss man nicht extra auf die Autoausstellungen nach Paris, Genf, Detroit oder Tokio fahren, um alle Modelle zu sehen. Und die Kommunen hätten dann auch noch eine neue Einnahmequelle, um ihre Sehenswürdigkeiten zu pflegen. Na, das Tempo 30 muss ja auch kontrolliert werden. Und dazu können die Kommunen blitzen. Und die kassieren schärfer als die Polizei. Während die Polizei erst kassiert, wenn man „zehne drüber“ liegt, können die Kommunen schon bei „viere“ drüber kassieren. Aber das nennt sich dann wahrscheinlich nicht Bußgeld, sondern Kurtaxe.