Kolumne des Monats
Mai 2013

zurück zur Übersicht

 

 

 

 




Thomas de Maiziere

… hat erlebt was es heißt, wenn man sagt: Er hat ein Klatsche gekriegt.
Der Urheber des Satzes: „Zur Außen- und Sicherheitspolitik eines Vereinten Deutschlands muss gehören, dass wir Begriffe wie Krieg, Veteran und Gefallene normal verwenden“, wollte in der Humboldt-Uni in Berlin eine Rede halten zum Thema: „Armee der Einheit - Der Beitrag der Bundeswehr zum gesellschaftlichen Zusammenhalt.“ Also, dazu wie die Gesellschaft wahrscheinlich nur noch mit Waffen zusammengehalten werden kann.
Aber bevor er aber den Mund aufmachen konnte, haben die Studenten ihn mit „La Ola“-Welle, Fußgetrampel, Klatschen, Klatschen, Klatschen und Hoch-Rufen niedergejubelt. Dann haben sich Studenten in blutrot befleckten T-Shirts vor das Rednerpult geschmissen. Und damit die ganze Veranstaltung.

Jetzt vermutet man, dass dies die neue Form von Wahlkampf werden könnte, dass sich Leute über Facebook oder Twitter zu einem Flashmob verabreden. Also, zu einer mobilen Blitzaktion über e-mail. Erfunden hat das, glaube ich, Erich Kästner. In seinem Buch „E-mail und die Detektive“ organisierten Kinder unter der „Parole Emil“ bereits 1929 einen Mob, der einen Ganoven verfolgt und an der Flucht hindert.

An der Humboldt-Uni wurde einer damit in die Flucht gejagt. In der Fachsprache heißt das „Protest durch Zustimmung“. Ähnlich wie bei dem Tenor im Stadttheater, nach dessen Arie immer „Zugabe! Zugabe! Zugabe!“ gerufen wird. Als ein Fremder zu seinem Platznachbarn sagt: „Wieso gefällt Ihnen denn das? Der singt doch grottenschlecht!“, bekommt er zur Antwort: „Eben. Aber heute mach´mern fertsch!“

So eine Aktion hatten sich jetzt auch die Salzwedeler Stadträte ausgedacht, als die Kanzlerin zu einem Kurzbesuch in der Altmark weilte. Die Salzwedler hatten ja noch eine Rechnung offen, weil die Merkel 2011 über die Stadt gesagt hat, sie hätte zwar einen Bahnhof, aber den Anschluss verpasst. Es gäbe nur deshalb so viele Arbeitslose, weil „Linke, Grüne und Sozialdemokraten den Stadtrat beherrschen.“ Jetzt kam die Stunde der Rache. Da aber jegliche Feindberührung … äh, Volksberührung laut Protokoll ausgeschlossen war, war auch ein Flashmob unter dem Motto: „Du hast die Haare schön!“ nicht möglich. Deshalb ließ der Stadtrat das „Goldene Buch“ der Stadt zu Änschie an den Hubschrauber hintragen, damit die sich eintragen konnte. Eine ganz subtile Form von „Protest durch Zustimmung.“ Denn man weiß ja, wie das mit den „Goldenen Büchern“ ist: Wenn es mal wieder anders kommt, werden die Politiker immer wieder daraus getilgt. Wenn die Stadträte das allerdings ernst gemeint haben sollten, und gar nicht als Ersatz für einen Flashmob, dann gehören sie als Flaschen weggemobbt.